Kommentar
Schlechter Stil bei Schaeffler
Mittelfranken. Familienunternehmen genießen in Deutschland immer noch einen hervorragenden Ruf. Hier soll es im Vergleich zu DAX- und Großkonzernen nicht nur oftmals deutlich herzlicher zugehen und auch Berufseinsteiger freuen sich über flache Hierarchien und große Verantwortungsbereiche. So oder so ähnlich hätte bis vor knapp einem Jahr auch noch über die Schaeffler-Gruppe geschrieben werden können. Doch während das Unternehmen eigene Mitarbeiter in Kurzarbeit schickt, wurden nach Berichten der IG Metall an einigen Standorten bereits wieder Leiharbeitskräfte eingestellt.
Kurze Erinnerung: Im Winter noch umgarnte Maria-Elisabeth Schaeffler Gewerkschaftsvertreter und posierte bei öffentlichen Terminen mit einem roten Schal. Letztlich mündeten die Avancen in einem Zukunftspakt, der der Unternehmensführung die Unterstützung der Funktionäre beim Umbau des Konzerns zusicherte und ihnen im Gegenzug mehr betriebliche Mitbestimmung in Aussicht stellte. Im Sommer wurden dann die Einsparpotenziale für jeden einzelnen Schaeffler-Standort festgelegt. Dies bedeutete, dass auslaufende Verträge nicht verlängert wurden und ein Großteil der deutschen Belegschaft in Kurzarbeit gehen musste.
Mittlerweile scheint sich das zunächst noch gute Image der Kurzarbeit bei den Arbeitgebervertretern geändert zu haben. Nicht nur, dass Untersuchungen des Nürnberger Instituts für Arbeits- und Berufsforschung (IAB), wonach die Firmen fünf Milliarden Euro in Kurzarbeit investieren, plötzlich so gedeutet werden, als sei dies ein unerwünschter Kostenblock, häufen sich nun auch Meldungen, wonach einige Großkonzerne für die Zeit nach der Bundestagswahl Ende September bereits Massenentlassungen planen.
Nun haben also bei Schaeffler in Hirschaid, Gunzenhausen und Ingolstadt Leiharbeiter die Arbeit aufgenommen oder werden es in wenigen Tagen tun. Eleganter Nebeneffekt, der das Schaeffler-Controlling freuen dürfte: Die neuen Mitarbeiter werden selbstverständlich nicht nach dem Metalltarifvertrag bezahlt, sondern nach den „Armutslöhnen der Leiharbeiterbranche“, wie die IG Metall schreibt. Gleichzeitig zitiert die Gewerkschaft einen Personaler, wonach Leiharbeit das beste Modell für den Konjunkturaufschwung sei. Nun dürfte bei den Funktionären die berechtigte Angst umgehen, wonach auch ihre Unterschrift unter Zukunftspakten – oder Sanierungsverträgen wie bei Quelle und Primondo – bald nichts mehr wert ist.
(Redaktion)
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